{"id":1068,"date":"2015-07-01T10:40:39","date_gmt":"2015-07-01T08:40:39","guid":{"rendered":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/?p=1068"},"modified":"2015-07-26T08:50:07","modified_gmt":"2015-07-26T06:50:07","slug":"deutsch-projekt-uwe-kolbe-kern-meines-reomans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/?p=1068","title":{"rendered":"Deutsch Projekt: Uwe Kolbe &#8211; Kern meines Romans"},"content":{"rendered":"<p>Uwe Kolbe: Kern meines Romans<\/p>\n<blockquote>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>1Elender\u00a0 Untertan\u00a0 Ratloser<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Einheitlicher<\/p>\n<p>Memme Argw\u00f6hner\u00a0 S\u00e4ufer<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Schalentier\u00a0 Energieloser<\/p>\n<p>Sachter\u00a0 Insider\u00a0 Nichtsnutz<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Durchschnittlicher<\/p>\n<p>Eiferer\u00a0 L\u00fcgenmaul\u00a0 Einsiedler<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Nervenkranker\u00a0 Dasitzender.<\/p>\n\n<p>2<\/p>\n<p>Einschmeicheln\u00a0 Unterkrauchen<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Resignation Endpunkt\u00a0 Narbe<\/p>\n<p>Fabulierkunst\u00a0 Ordnung\u00a0 Rutschbahn<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Durchschl\u00fcpfen Ekel\u00a0 Rand\u00a0 Unsinn<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Niemandsland\u00a0 Gesetz\u00a0 Einssein<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Nebel<\/p>\n<p>Gark\u00fcche\u00a0 Eldorado\u00a0 Nu\u00dftorte\u00a0 \u00dcbelkeit<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Gestank\u00a0 Essenausgabe\u00a0 Nicken<\/p>\n<p>Sumpf\u00a0 Chim\u00e4ren\u00a0 Hochstapler\u00a0 Lauheit<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Ewigkeit\u00a0 Irgendwas\u00a0 Mittelma\u00df\u00a0 Egel<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Ratten.<\/p>\n\n<p>3<\/p>\n<p>Entfettung\u00a0 Urlaut\u00a0 R\u00fcssel\u00a0 Eltern<\/p>\n<p>Einfrieren\u00a0 Hochrufe\u00a0 Mischmasch<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Anlage\u00a0 Lustgewinn\u00a0 Schwamm<\/p>\n<p>Blut\u00a0 Lumpen\u00a0 Umst\u00e4nde\u00a0 Tr\u00e4ger<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Irrlicht\u00a0 Gewalt\u00a0 Eingehen<\/p>\n<p>Fluch Angebot\u00a0 Hosiannah\u00a0 Nachruf<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Ebene<\/p>\n<p>B\u00e4uche\u00a0 Lungen \u00c4rsche Haut Typhus<\/p>\n<p>Sucht\u00a0 Ischias\u00a0 Circus\u00a0 Holzwurm<\/p>\n<p>Tran Raffgier\u00a0 \u00c4ngste\u00a0 Genugtuung<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Einkaufen<\/p>\n<p>Zunder\u00a0 Ulk Makel<\/p>\n<p>Braten\u00a0 Ablecken\u00a0 Umh\u00e4keln\u00a0 Chose<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Haufen.<\/p>\n<\/td>\n<td>4Einsicht\u00a0 Umweg\u00a0 Reime\u00a0 Ergebnis\u00a0 Ma\u00dfHochachtung\u00a0 Ehre\u00a0 Lob\u00a0 Demut<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Edelmut\u00a0 Nutzen\u00a0 Tadel\u00a0 Unsicherheit<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Mut<\/p>\n<p>Dank\u00a0 Erziehung\u00a0 Nachsicht<\/p>\n<p>Offenbarung\u00a0 Pathos\u00a0 Frieden<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Erscheinung\u00a0 Reinheit\u00a0 Nichts<\/p>\n<p>Weg\u00a0 Irrtum Droge Mahnmal\u00a0 Erkl\u00e4ren<\/p>\n<p>Ideal C\u00e4sur\u00a0 Haltlose<\/p>\n<p>Eines\u00a0 Ich\u00a0 Norm\u00a0 Einfaches\u00a0 Natur<\/p>\n<p>Opfer\u00a0 Rasen\u00a0 Genick\u00a0 Arche\u00a0 Suche<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Musik\u00a0 Unwirsch\u00a0 Schwanz.<\/p>\n\n<p>5<\/p>\n<p>Entscheiden Umhaun\u00a0 Chiffrieren<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Hoffen<\/p>\n<p>M\u00e4keln\u00a0 \u00c4chten\u00a0 Chemisieren\u00a0 Hoffen<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Teufeln\u00a0 Intrigieren\u00a0 Graben<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Einstehen<\/p>\n<p>Gebrauchen\u00a0 Radikalisieren\u00a0 Erfahren<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Irritieren\u00a0 Singen\u00a0 Erlegen<\/p>\n<p>Ziehen Erregen Randalieren Fluchen<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Entfernen Tauchen Zerfledern<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Enden<\/p>\n<p>Durchhalten\u00a0 Infizieren\u00a0 Erwarten<\/p>\n<p>T\u00e4uschen\u00a0 \u00c4ngstigen\u00a0 Gleichmachen<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">L\u00e4rmen Irren\u00a0 Chloroformieren<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Hoffen\u00a0 Erleben<\/p>\n<p>Revolutionieren\u00a0 Erfinden\u00a0 Verf\u00fchren<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Ordnen\u00a0 Lachen\u00a0 Umerziehen<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Trampeln\u00a0 Isolieren\u00a0 Offenhalten<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Nacktbaden.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n\n<div>Uwe Kolbe: Kern meines Romans.<\/div>\n<div>Zuerst erschienen in der Anthologie &#8222;Bestandsaufnahme 2. Deb\u00fctanten 1976-1980&#8220;, herausgegeben von Brigitte B\u00f6ttcher, Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig 1981;<\/div>\n<div>Copyright by Uwe Kolbe<\/div>\n<\/blockquote>\n\n<p>Was soll man mit einem Gedicht anfangen, das \u2013 auf den ersten Blick \u2013 aus nichts anderem besteht als aus einer planlos-beliebigen Aneinanderreihung von W\u00f6rtern?<\/p>\n<p>Was soll man damit anfangen, wenn man wei\u00df, dass der Autor zu den bedeutendsten Lyrikern der deutschen Gegenwartsliteratur z\u00e4hlt?<\/p>\n<p>Muss man nun zwanghaft irgendetwas \u201ehineininterpretieren\u201c?<\/p>\n<p>Gib es einen Geheim-Code, ein Kryptogramm?<\/p>\n<pre><i><b>Unter einem Kryptogramm versteht man einen Text, in dem eine nach einem bestimmten System versteckte Buchstabenfolge eine \u00fcber den Text hinausgehende Information vermittelt; man kann auch von einem Geheimtext sprechen.\u00a0<\/b><\/i><\/pre>\n<p>Reihen Sie s\u00e4mtliche Anfangsbuchstaben der W\u00f6rter aneinander, dann entsteht:<\/p>\n<p><b>EURE MASSE SIND ELEND.<\/b><\/p>\n<p><b>EUREN FORDERUNGEN GEN\u00dcGEN SCHLEIMER.<\/b><\/p>\n<p><b>EURE EHMALS BLUTIGE FAHNE BL\u00c4HT SICH TR\u00c4GE ZUM BAUCH.\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>EUREM HELDENTUM DEN OPFERN WIDME ICH EINEN ORGASMUS.<\/b><\/p>\n<p><b>EUCH M\u00c4CHTIGE GREISE ZERFETZE DIE T\u00c4GLICHE REVOLUTION.<\/b><\/p>\n<p>Und jetzt ist auch klar, warum Kolbe mit der Ver\u00f6ffentlichung dieses Gedichts in der DDR einen Eklat verursachte.<\/p>\n<p>Doch was ist der &#8222;Kern des Romans&#8220;?<\/p>\n<p>Sch\u00fcler der 13. Klasse wagten den Versuch, Kolbes Lyrik kreativ in Epik zu verwandeln. Es gab keine stilistischen Vorgaben.<\/p>\n<p>Das Ergebnis kann sich sehen lassen!<\/p>\n<hr \/>\n\n<p>Teil I: Tagebuchausz\u00fcge des Gottfried Anders<\/p>\n<p>von Nicole Gabelsberger.<\/p>\n<p align=\"right\">Freitag, den 18. September 1981<\/p>\n<p><i><b>Elender<\/b><\/i> kann ein Tag kaum beginnen, das Wetter gleicht der Stimmung meiner Frau, nass und kalt. Mache mich auf den Weg ins B\u00fcro, trotte \u00fcber das graue, feuchte, mit Tau \u00fcberzogene Kopfsteinpflaster der Heinrichgasse. Tief in meinem Inneren hege ich seit l\u00e4ngerem das Gef\u00fchl, dass ich nichts anderes als ein gef\u00fcgiger <i><b>Untertan<\/b><\/i> geworden bin, sei es zu Hause oder in der Arbeit. Meine Ehe br\u00f6ckelt, schwere Zeiten fordern harte Bandagen, dennoch habe ich den Eindruck, als verstehe ich meine Marga jeden Tag ein St\u00fcck weniger, werde immer <i><b>ratloser<\/b><\/i>. Derweil habe ich mich in letzter Zeit immer so bem\u00fcht, meiner Marga \u00fcberall unter die Arme zu greifen, wo es m\u00f6glich ist, habe ihr das W\u00e4sche-Waschen abgenommen, das K\u00fcchenschr\u00e4nkchen repariert, sogar den Abwasch habe ich \u00fcbernommen, um so f\u00fcr bessere Stimmung sorgen. Aber es hat alles nichts geholfen, egal was ich auch mache, das Gef\u00fchl, ich k\u00f6nne ihr rein gar nichts mehr Recht machen, wird von Tag zu Tag gr\u00f6\u00dfer. Eine Kleinigkeit reicht aus, um sie v\u00f6llig aus der Fassung zu bringen, gestern hat sie mich wegen einem schmutzigen Teller niedergemacht als sei ich ein Gauner, ich werde immer <i><b>einheitlicher<\/b><\/i>, sie erkenne keinerlei Unterschied mehr zwischen mir und anderen M\u00e4nnern, gr\u00e4sslich, scheu\u00dflich sei es, meine Visage jeden Tag aufs Neue ertragen zu m\u00fcssen, ein Fehler sei es gewesen, eine <i><b>Memme<\/b><\/i> wie mich damals \u00fcberhaupt zum Mann genommen zu haben.\u00a0 Heute ist Freitag, aber auf die Wochenenden freue ich mich schon l\u00e4ngst nicht mehr, die Zeiten von Gl\u00fcckseligkeit und trauten Wochenendausfl\u00fcgen zu zweit sind l\u00e4ngst vorbei, Marga wird immer mehr zum <i><b>Argw\u00f6hner<\/b><\/i>, und ich, wer mag es mir verdenken, zum <i><b>S\u00e4ufer<\/b><\/i>. Zu gut erinnere ich mich noch an die pr\u00e4chtigen Zeiten, Zeiten des Wohlstands, Zeiten des Gl\u00fccks, Zeiten der Zweisamkeit mit meiner Marga, Zeiten einer gl\u00fccklichen Familie, Zeiten der tobenden und lachenden Kinder. Nicht zu vergleichen mit der heutigen Zeit, eine f\u00fcnfk\u00f6pfige Familie l\u00e4sst sich nur schwer mit dem Gehalt eines einfachen Lohnbuchhalters ern\u00e4hren. Der auf meinen Schultern lastende Druck nimmt stetig zu, f\u00fchle mich wie ein <i><b>Schalentier<\/b><\/i>, dessen Schale schon vor geraumer Zeit zu Bruch ging. W\u00e4hrend ich so \u00fcber das Kopfsteinpflaster ins B\u00fcro marschiere, merke ich, dass ich am Ende dieser anstrengenden Arbeitswoche immer <i><b>energieloser<\/b><\/i> werde, das Pflaster ist rutschig, meine Schritte werden <i><b>sachter<\/b><\/i>, kann es mir nicht leisten, mich zu verletzen, ein Arbeitsausfall w\u00e4re eine Trag\u00f6die. Meine Gedanken schweifen erneut ab, die Ungereimtheiten innerhalb meiner Familie zerfressen mich innerlich, einen Plan, wie ich wieder zum <i><b>Insider<\/b><\/i> meiner eigenen Familie werde, habe ich jedoch noch nicht entworfen. Dabei bringe ich <i><b>Nichtsnutz<\/b><\/i> es nicht mal auf die Reihe, meine eigenen Kinder, mein Fleisch und Blut, mein Ein und Alles, am Abend ins Bett zu bringen, die Arbeit l\u00e4sst mich keinen Tag vor 20:00 Uhr nach Hause kommen, zu sp\u00e4t f\u00fcr Gute-Nacht-Geschichten. Noch Unter-<i><b>Durchschnittlicher<\/b><\/i> d\u00fcrfte mein Leben nicht werden, wei\u00df nicht, ob ich dem Ganzen dann noch gewachsen w\u00e4re. Im Grunde genommen bin ich nichts anderes als ein <i><b>Eiferer<\/b><\/i>, der das Leben der oberen 10000 begehrt und bewundert, frage mich oft, warum es das Schicksal mit mir nicht so gut meint wie mit manch anderem? Mein Weg zum B\u00fcrokomplex 12A n\u00e4hert sich dem Ende, noch 500 Meter, von weitem, durch die gro\u00dfen Glasfenster, kann ich schon den B\u00fcroleiter erblicken, dieses <i><b>L\u00fcgenmaul<\/b><\/i>, wir alle schieben gro\u00dfen Hass auf ihn, t\u00e4gliche Diskriminierung und Gleichg\u00fcltigkeit seinerseits sch\u00fcren unseren Hass mehr und mehr. Ich und die anderen k\u00f6nnten gut und gerne auf den Meier verzichten, am liebsten w\u00fcrde ich ihm ein Flugticket spendieren, ohne R\u00fcckflug, auf eine einsame Insel, ein Leben als <i><b>Einsiedler<\/b><\/i> w\u00e4r\u00b4 f\u00fcr den genau das Richtige, dort kann er wenigstens keinem mehr auf den Sack gehen. Seit 25 Jahren muss ich den schon ertragen, wenn ich k\u00f6nnte, w\u00fcrde ich gehen, mir eine andere Arbeit suchen, alles hinschei\u00dfen, ihm den Mittelfinger zeigen, mich am Arsch lecken lassen, ihm die Meinung mal so richtig geigen, doch als kleiner Lohnbuchhalter ist das nicht so leicht, all das ist nur ein Traum. Alles, was ich bin, ist ein <i><b>Nervenkranker<\/b><\/i>, ein alternder Mann, dessen Leben bald keinen Sinn mehr hat, wenn meine Marga mich sitzen l\u00e4sst und mir meine Kinder wegnimmt, dann bin ich ein <i><b>Dasitzender<\/b><\/i>, ohne Lebensinhalt, aber wen k\u00fcmmert\u00b4s schon, was aus mir werden mag. Ich gehe die letzten Schritte zum B\u00fcrokomplex, erreiche die Eingangst\u00fcr. Nehme den Fahrstuhl in den dritten Stock. Mir begegnen wie jeden Morgen die gleichen Kollegen. Verlasse den Aufzug. Gehe den Gang entlang. An dem Meier vorbei, l\u00e4chle ihm zu. Endlich bin ich im Gro\u00dfraumb\u00fcro angelegt. Ein weiterer trister Arbeitstag voller Ern\u00fcchterungen beginnt, f\u00fcr mich, und weitere 17 Lohnbuchhalter.<\/p>\n<hr \/>\n\n<p>Teil II: Freiheitspfad<\/p>\n<p>von\u00a0Tamira Cernko.<\/p>\n<p align=\"right\"><b>Mittwoch, 12. November<\/b><\/p>\n<p>Den Morgen begann ich mit meinem allt\u00e4glichen Ritual, dem <i><b>Einschmeicheln<\/b><\/i><b>.<\/b> Ich umgarnte meine Pflegerin, machte ihr Komplimente und versuchte, ihr Vertrauen zu finden. Ansonsten hielt ich mich wie immer bedeckt und suchte einen Platz zum <i><b>Unterkrauchen<\/b><\/i><b>.<\/b> Die beste Methode,\u00a0 es hier auszuhalten, war einerseits nicht aufzufallen und somit positiv auf die Pfleger zu wirken, andererseits sollte man nicht in <i><b>Resignation<\/b><\/i> verfallen, um nicht zum <i><b>Endpunkt<\/b><\/i><b> <\/b>der Krankheit zu gelangen. Hielt man diese Regeln ein, so hatte man die Chance, au\u00dfer einer <i><b>Narbe<\/b><\/i> im Herzen, geheilt wieder aus der Anstalt entlassen zu werden.<\/p>\n<p>Nachdem alle zum Fr\u00fchst\u00fcck eingetroffen waren, hielt es Dr. Adler wieder f\u00fcr n\u00f6tig, seine <i><b>Fabulierkunst<\/b><\/i> zum Besten zu geben. Einen Vorteil hatten diese allmorgendlichen Reden von Dr. Adler jedoch, es kam <i><b>Ordnung<\/b><\/i> in das Ganze Tohuwabohu, da jeder wusste, wenn der Doktor spricht, hatte man still zu sein. Ich hatte in dieser Zeit die Gelegenheit, meinen Plan genauestens ein letztes Mal zu \u00fcberdenken. So war ich absichtlich einer der Letzten, der sein Fr\u00fchst\u00fccksgeschirr aufr\u00e4umte und ins Zimmer ging, um seine schmutzige W\u00e4sche zu holen. Ich hatte mir extra einen Mittwoch ausgesucht, da man an diesem Tag immer seine W\u00e4sche die <i><b>Rutschbahn<\/b><\/i> runter werfen konnte. So gelang diese in den Keller und wurde am Donnerstag gewaschen.<\/p>\n<p>Ich lie\u00df die anderen vor und\u00a0 warf als Letzter\u00a0 in aller Seelenruhe meine Dreckw\u00e4sche hinunter. Als die Pflegerin kurzzeitig abgelenkt war, bot sich mir die M\u00f6glichkeit und ich konnte mitsamt der W\u00e4sche <i><b>durchschl\u00fcpfen<\/b><\/i><b>.<\/b> Zwar erf\u00fcllte mich das Gef\u00fchl von <i><b>Ekel,<\/b><\/i> zusammen mit den ungewaschenen Unterhosen in den Keller zu rutschen, aber gleichzeitig erfasste mich ein Schwall Gl\u00fccksgef\u00fchle, der Freiheit entgegen zu kommen. Unten angekommen schlich ich mich am <i>Rand <\/i>der Wand und geduckt hinter den W\u00e4schebergen zur Au\u00dfent\u00fcre. Nat\u00fcrlich w\u00e4re es <i><b>Unsinn<\/b><\/i><b> <\/b>gewesen, unvorbereitet in den Keller zu gelangen und dann dort vor verriegelter T\u00fcre zu stehen. So hatte ich bereits eine B\u00fcroklammer und verschiedene andere \u201cWerkzeuge\u201d organisiert, um die alarmgesicherte T\u00fcr mit spezieller Verriegelung \u00f6ffnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So war die B\u00fcroklammer meine T\u00fcr ins <i><b>Niemandsland<\/b><\/i><b>.<\/b> Dass mein Weg in die Freiheit gegen das <i><b>Gesetz<\/b><\/i> verstie\u00df, dessen war ich mir sehr wohl bewusst, und so\u00a0 verbrachte ich gef\u00fchlt eine halbe Ewigkeit damit, erst die Alarmanlage auszuschalten und dann mit zittrigen H\u00e4nden das Schloss zu knacken. Das misslang mir zun\u00e4chst. \u201cRuhig bleiben. Fixiere dich auf dein Ziel\u201d \u2013 eines meiner Lieblingsmantras, mit dem ich mich selbst vor falschen, sich einschleichenden Gedanken sch\u00fctzen konnte. Und wieder einmal zeigte es seine unglaubliche Wirkung. Meine H\u00e4nde wurden ruhiger, mir fiel wieder ein, was ich in meiner Ausbildung zum Schlosser gelernt hatte, und innerhalb von f\u00fcnf Minuten war die vermeintlich nicht zu \u00f6ffnende T\u00fcr geknackt.<\/p>\n<p>Nun begann der eigentlich schwierigere Teil meines Plans, ich musste <i><b>einssein<\/b><\/i> mit dem fr\u00fchmorgendlichen <i><b>Nebel<\/b><\/i>. Ich kroch auf dem taunassen Gras am Boden entlang, da die Anstalt meist von Bodennebel umh\u00fcllt war. Trotz meiner durchn\u00e4ssten Kleider dr\u00fcckte ich mich noch tiefer ins Gras, als ich an der <i><b>Gark\u00fcche <\/b><\/i>vorbeikam. Ich sch\u00e4tze, das wird das einzige sein, was ich vermissen werde. Ihre Speisen waren ein <i><b>Eldorado<\/b><\/i> an K\u00f6stlichkeiten. Am liebsten mochte ich die <i><b>Nu\u00dftorte<\/b><\/i><b>.<\/b> Heute jedoch \u00fcberkam mich die <i><b>\u00dcbelkeit<\/b><\/i>, da ein unerkl\u00e4rlicher <i><b>Gestank<\/b><\/i> aus dem Raum der <i><b>Essenausgabe<\/b><\/i> zu mir her\u00fcber wehte. Ich vermute, dass der Geruch zwar der gleiche wie immer war, aber mich nunmehr an meine Freiheitsberaubung erinnerte, meine Zeit in der Anstalt. So beeilte ich mich, mit einem letzten, verabschiedenden <i><b>Nicken<\/b><\/i> in Richtung K\u00fcche die letzten Meter zum Rand des Grundst\u00fccks zu robben.<\/p>\n<p>Mein Ziel war der <i><b>Sumpf<\/b><\/i><b> <\/b>am hinteren Ende des Gartens. Ich vermutete, dass dieses Areal der gesamten Anlage am wenigsten bewacht war, da den Insassen erz\u00e4hlt wird, dort w\u00fcrden <i><b>Chim\u00e4ren<\/b><\/i> hausen. Ich hielt das \u2013 trotz meiner manchmal be\u00e4ngstigenden Gedanken \u2013 f\u00fcr eine Geschichte vom <i><b>Hochstapler<\/b><\/i> Dr. Adler. Aber die altbekannte <i><b>Lauheit<\/b><\/i><b> <\/b>\u00fcberkam mich trotzdem.<\/p>\n<p>Mir blieb nichts anderes \u00fcbrig, als eine <i><b>Ewigkeit<\/b><\/i> abzuwarten, bis die falschen Gedanken verschwunden waren und ich schlie\u00dflich zum Sumpf kriechen konnte. Dort angelangt, musste mir <i><b>irgendwas<\/b><\/i> einfallen, um den meterhohen Zaun zu erklimmen. Die Schwierigkeit lag darin, das <i><b>Mittelma\u00df<\/b><\/i> zwischen Alarmanlage und Kamera zu finden, da ich weder von oben gefilmt werden noch von der h\u00fcfthohen Alarmanlage registriert werden durfte.<\/p>\n<p>Ein weiterer St\u00f6rfaktor war die Zeit, da der Nebel begann, sich unaufh\u00f6rlich aufzul\u00f6sen. Zuerst versuchte ich, mich durch die St\u00e4be zu quetschen, was nicht klappte, da ich geduckt bleiben musste.<\/p>\n<p>Meinen zweiten Versuch, ein Loch unterhalb des Zaunes zu graben, gab ich relativ schnell auf, da ich daf\u00fcr Tage gebraucht h\u00e4tte. So blieb mir nichts anderes \u00fcbrig, als zu versuchen, den Zaun hinaufzuklettern. Davor suchte ich wieder im Kriech-Modus nach Steinen, um die Glasscheibe der Kamera zu zerst\u00f6ren, was mir nach drei W\u00fcrfen erstaunlicherweise gelang. So fing ich an, hinaufzuklettern und mir fehlten nur noch einige Zentimeter, als ich die <i><b>Egel<\/b><\/i><b> <\/b>\u2013 offiziell genannt Pfleger \u2013\u00a0 laufen h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Sie rissen mich vom Zaun und warfen mich auf den Boden.<\/p>\n<p>\u201cIhr <i><b>Ratten<\/b><\/i>\u201c, schrie ich, \u201cIhr nehmt euch, was Ihr wollt! Das ist meine Freiheit!\u201d<\/p>\n<p>Mein Plan war so perfekt, der einzige Fehler lag darin, dass meine falschen Gedanken daf\u00fcr gesorgt haben, dass ich die Alarmanlage beim Hinaufklettern der St\u00e4be missachtet habe. Ein dummer Fehler, ich werde ihn nie wiederholen. Aber ich werde auch nie wieder die Chance haben, ins Niemandsland zu kommen, da nun zus\u00e4tzlich auf meiner Krankenakte \u201csuizidgef\u00e4hrdet\u201d steht.<\/p>\n<p>Warum sollte ich fliehen, um mich dann selbst umzubringen? Das wusste nur Dr. Adler, er hatte die Macht und er hatte das Studium der Psychologie, nicht ich.<\/p>\n<hr \/>\n\n<p>Teil III: Aus dem Tagebuch von Joseph &#8222;Jupp&#8220; Engels<\/p>\n<p>von Michael Bong.<\/p>\n<p align=\"right\"><b>17.02.2015<\/b><\/p>\n<p>Liebes Tagebuch,<\/p>\n<p>entschuldige meine lange Schreibabstinenz, aber die letzten Karnevalstage musste ich einfach aus dieser b\u00e4uerlichen Provinz entfliehen und mich einer arbeitstechnischen <i><b>Entfettung<\/b><\/i> unterziehen. Ich habe also die Gunst der Stunde genutzt und Karneval in meiner geliebten Heimat K\u00f6lle am Rhing verbracht. Nat\u00fcrlich mit der Absicht, meinem in den letzten Wochen auf dem Sterbebett liegenden Sexualleben neuen Esprit einzuhauchen.<\/p>\n<p>Ich ergatterte einen der letzten guten Pl\u00e4tze, um den \u201eZoch\u201c zu sehen. Gerade als ich mich nach geeigneter Beute umsehen wollte, lie\u00df mich ein gewaltiger <i><b>Urlaut<\/b><\/i> zusammenzucken. In einiger Entfernung erkannte ich einige <i><b>R\u00fcssel<\/b><\/i>, augenscheinlich Teil einer Verkleidung mehrerer Personen. Vielleicht <i><b>Eltern<\/b><\/i><b> <\/b>mit ihren Kindern. Uninteressant, sollten dort Frauen sein, so sind sie wahrscheinlich schon mit ausreichend m\u00e4nnlichen Begleitern eingedeckt. Um nicht noch mehr <i><b>einfrieren<\/b><\/i> zu m\u00fcssen, beschloss ich, dass bei derartigen Au\u00dfentemperaturen die einzig konstante W\u00e4rme nur von innen ausgehen konnte. Ich begab mich also zum Kiosk, dem <i><b>Hochrufe<\/b><\/i> des Alkohols folgend. Angekommen verstand mich der dicke Verk\u00e4ufer im <i><b>Mischmasch<\/b><\/i> aus Bestellungen und dr\u00f6hnender Musik seiner eigenen <i><b>Anlage<\/b><\/i><b> <\/b>im hinteren Teil des Kiosks kaum. Als ich endlich mein abgestandenes K\u00f6lsch in den H\u00e4nden hielt, ersp\u00e4hte ich den ersehnten <i><b>Lustgewinn<\/b><\/i> des heutigen Tages am anderen Ende der Stra\u00dfe: einen <i><b>Schwamm<\/b><\/i> in den H\u00e4nden, welcher wahrscheinlich ein Gehirn darstellen sollte, <i><b>Blut<\/b><\/i><b> <\/b>im Gesicht und nur in <i><b>Lumpen<\/b><\/i> gekleidet \u2013 Kost\u00fcm sexy Zombie. Ich eilte zu ihr und stellte mich, ganz den \u00e4u\u00dferen <i><b>Umst\u00e4nde<\/b><\/i>n entsprechend als M\u00f6nch verkleidet, als <i><b>Tr\u00e4ger<\/b><\/i> des heiligen Kreuzes vor. Ich versuchte mich an einem passenden Anmachspruch: Ich wollte sie armes <i><b>Irrlicht<\/b><\/i> befreien. Notfalls mit <i><b>Gewalt<\/b><\/i>. Dies sei normal nicht meine Art, aber man m\u00fcsse entsprechend auf sie <i><b>eingehen<\/b><\/i>, damit sie vom <i><b>Fluch<\/b><\/i> des Untoten endlich erl\u00f6st w\u00fcrde. Ich schien ihr zu gefallen, sie wollte auf mein <i>Angebot<\/i> eingehen, allerdings erst in Form eines Dinners heute Abend. Ich willigte ein, steckte ihr meine Zunge in den Hals und meine Adresse in ihr H\u00f6schen. <i><b>Hosiannah<\/b><\/i>! Die Mission schien fr\u00fcher als erwartet erf\u00fcllt, der <i><b>Nachruf <\/b><\/i>f\u00fcr mein auf dem Sterbebett liegendes Sexualleben verblasste vor meinem geistigen Auge. Ich sah uns schon in der horizontalen <i><b>Ebene<\/b><\/i><b> <\/b>liegend, die nackten <i><b>B\u00e4uche<\/b><\/i><b> <\/b>aneinander gepresst, die <i><b>Lungen<\/b><\/i> schwer atmend, <i><b>\u00c4rsche<\/b><\/i> und <i><b>Haut <\/b><\/i>schwei\u00df gebadet, als w\u00fcrde uns der <i><b>Typhus<\/b><\/i> plagen. Solange kopulierend, bis meine <i><b>Sucht<\/b><\/i> nach Befriedigung gestillt ist. Oder sich mein <i><b>Ischias<\/b><\/i><b> <\/b>wieder meldet. Die waghalsigsten <i><b>Circus<\/b><\/i>-Nummern nachstellend, meinen kleinen <i><b>Holzwurm<\/b><\/i> immer wieder in sie bohrend. Den <i><b>Tran<\/b><\/i> der letzten Tage abgelegt, die <i><b>Raffgier<\/b><\/i><b> <\/b>des Gesch\u00e4fts vergessend. Alle <i><b>\u00c4ngste<\/b><\/i> \u00fcber Bord geworfen, endlich ein kleines F\u00fcnkchen <i><b>Genugtuung<\/b><\/i>.<\/p>\n<p>Doch um ihr ein Abendessen bieten zu k\u00f6nnen, musste ich noch <i><b>Einkaufen<\/b><\/i> gehen. Ich besorgte ordentlich <i><b>Zunder<\/b><\/i> in Form von Alkohol, damit jegliche Bedenken weggesoffen werden konnten, und als <i><b>Ulk<\/b><\/i><b> <\/b>einen Braten, der an der Fleischtheke als \u201eAasbraten f\u00fcr Zombies\u201c deklariert war.<\/p>\n<p>Sie traf ein und mich der Schlag. Der sexy Zombie war ungeschminkt eine biedere Schreckschraube. Und ein weiterer <i><b>Makel<\/b><\/i><b> <\/b>folgte: Sie wollte den Braten nicht mal <i><b>ablecken<\/b><\/i>! Veganerin. Und nun wollte sie mich dazu auch noch bekehren. Sollte ich, das vermenschlichte Testosteron, der Inbegriff der M\u00e4nnlichkeit, der einzige Lichtblick in einem Haufen durch die Emanzipation verweichlichter Waschlappen, klein beigeben? Mich zu einem Salatfresser <i><b>umh\u00e4keln<\/b><\/i> lassen? Haben wir M\u00e4nner, als J\u00e4ger geboren, mit Mammuts den Kampf ums \u00dcberleben austragend, die Evolution bis hierhin \u00fcberstanden, nur um dann wehrlosen Karnickeln das Futter wegzufressen? Nein, sicher nicht! Aber die <i><b>Chose<\/b><\/i> mit diesem Alice-Schwarzer-Verschnitt wollte ich mir auch nicht geben. Ich packte ihre Hand, geleitete sie nach drau\u00dfen zu meinem <i><b>Haufen<\/b><\/i> aus Bioabf\u00e4llen und bot ihr diesen als Alternativgericht an. Sie ist zwar wutentbrannt abgedampft und ich durfte wiedermal selbst den Aal langziehen, aber das war es mir wert!<\/p>\n<hr \/>\n\n<p>Teil IV: Anna in K\u00f6lle, Alaaf!<\/p>\n<p>von Franziska Summerer.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Kolumne von Anna Wunder<\/strong><\/p>\n<p>Die letzten Tage bin ich zu einer wertvollen <i><b>Einsicht<\/b><\/i> gekommen: Dass der Karneval in K\u00f6ln nicht gerade der Pfad zum Gl\u00fcck sein w\u00fcrde, hatte ich mir vorher schon gedacht, aber dass er so ein <i><b>Umweg<\/b><\/i> sein w\u00fcrde, h\u00e4tte ich nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten. Es war quasi ein Gedicht ohne Verse und <i><b>Reime<\/b><\/i>. Was in Bayern der Fasching ist, ist in der Stadt am Rhein der Karneval. Nur zehn Mal schlimmer. Das <i><b>Ergebnis<\/b><\/i> der maskierten Parade am Rosenmontag waren Alkoholleichen, zu Dutzenden gestapelt an Stra\u00dfenr\u00e4ndern und in Kneipen. Jede davon mit der einen oder anderen <i><b>Ma\u00df<\/b><\/i> Bier zu viel intus, bzw. \u201eK\u00f6lsch\u201c, wie die K\u00f6lner ihre l\u00e4cherlich kleinen Bierchen stolz nennen. Meine <i><b>Hochachtung<\/b><\/i> geb\u00fchrt jedem, der diese rhein\u2018schen Kulturveranstaltungen ohne Verlust von W\u00fcrde und <i><b>Ehre<\/b><\/i> hinter sich bringt. Ich f\u00fcr meinen Teil habe es nicht geschafft.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach Alkohol, den ich dringend brauchte, um meinen ansonsten doch gesunden Menschenverstand vollst\u00e4ndig zu eliminieren, damit ich dieses Fest der Peinlichkeiten nach allen Regeln der Kunst \u00fcberstehen konnte, begab ich mich zum Nachtanken in eine Kneipe.<\/p>\n<p>Dort lernte ich Jupp, den netten M\u00f6nch, kennen. Weder sein Kost\u00fcm noch seine plumpe Anmache verdienten ein <i><b>Lob<\/b><\/i> und ich versinke in Scham und <i><b>Demut<\/b><\/i>, dass ich mich f\u00fcr ein abendliches Treffen mit ihm verabredet hatte.<\/p>\n<p>Seinen <i><b>Edelmut<\/b><\/i> in Ehren, dass er f\u00fcr mich \u201egekocht\u201c hatte, aber der <i><b>Nutzen<\/b><\/i><b> <\/b>dieses Versuchs hielt sich f\u00fcr mich in Grenzen. Der Anblick seines Bratens machte mich augenblicklich\u00a0 zur Veganerin. Neben all dem <i><b>Tadel<\/b><\/i> an seinen Kochk\u00fcnsten machte sich allm\u00e4hlich <i><b>Unsicherheit<\/b><\/i><b> <\/b>breit. Warum hatte ich nur auf meine ebenso betrunkenen Kumpane geh\u00f6rt und bin der Einladung hierher gefolgt? An dieser Stelle m\u00f6chte ich euch noch einmal in aller \u00d6ffentlichkeit verteufeln \u2026<\/p>\n<p>Von all dem <i><b>Mut<\/b><\/i>, mit dem ich zu diesem Date gekommen war, blieb nicht mehr viel.<\/p>\n<p>Herzlichen <i><b>Dank<\/b><\/i> an meine Mutter, die bei meiner <i><b>Erziehung<\/b><\/i> zwar gewiss das eine oder andere verkehrt gemacht hatte, aber wenigstens hat sie mir beigebracht, wann es Zeit ist, zu gehen.<\/p>\n<p>Als ich da so neben dem einsamen jungen Kerl stand, \u00fcberkam mich irgendwie die <i><b>Nachsicht<\/b><\/i>. Der M\u00f6nch Jupp und ich schienen einfach nicht f\u00fcreinander geschaffen zu sein. Halleluja, diese <i><b>Offenbarung<\/b><\/i> erreichte mich gerade noch rechtzeitig. Denn mit dem <i><b>Pathos<\/b><\/i> seiner betrunkenen Rede hatte ich fast schon meinen <i><b>Frieden<\/b><\/i> gemacht. Mit den halbwegs \u00fcberzeugenden Argumenten und dem Charme, den Jupp, der M\u00f6nch, heute Mittag daf\u00fcr verwendet hatte, um mein Herz zu gewinnen, war Schluss. Seine Absichten waren offensichtlich gewesen und doch bin ich darauf eingegangen. Ob es sein Charakter oder seine \u00e4u\u00dfere <i><b>Erscheinung<\/b><\/i> war, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr genau, die Wirkung des Alkohols hatte deutlich nachgelassen \u2013 leider.<\/p>\n<p>Ich stand an der Wohnungst\u00fcr und warf einen Blick zur\u00fcck. Ein Paradies der <i><b>Reinheit<\/b><\/i> war das auch nicht gewesen.<\/p>\n<p>Was ich mir nur gedacht habe, hierher zu kommen? <i><b>Nichts<\/b><\/i> anscheinend.<\/p>\n<p>Auf dem <i>Weg<\/i> zur\u00fcck stolperte ich \u00fcber all die leeren Dosen und Flaschen und begann, dar\u00fcber nachzudenken, wie kluge Frauen an diesem Tag in einer sch\u00f6nen Stadt zu Objekten wurden. Wer glaubt, es k\u00e4me nur vom Alkohol, der unterliegt vielleicht einem <i><b>Irrtum<\/b><\/i><i>, <\/i>vielleicht aber auch nicht. Hat die <i><b>Droge<\/b><\/i><b> <\/b>allein die Macht, aus intelligenten Frauen und ebenso aus M\u00e4nnern Menschen zu machen, die komplett auf eigenst\u00e4ndiges Denken verzichten? Meine Erinnerung an diesen Tag soll mir ein <i><b>Mahnmal<\/b><\/i><b> <\/b>f\u00fcr meinen Alkoholkonsum sein. <i><b>Erkl\u00e4ren<\/b><\/i> kann ich mir mein Verhalten, und das von zig anderen an diesem Tag, sowieso nicht anders.<\/p>\n<p>Jupp, mittags noch das <i><b>Ideal<\/b><\/i> der Frauen aus der M\u00e4nnerwelt, war es abends keineswegs mehr. N\u00fcchtern betrachtet kam es mir vor wie eine <i><b>C\u00e4sur<\/b><\/i>: Ein Schnitt mitten durch das ausgelassene Feiern, ich war eine <i><b>Haltlose<\/b><\/i> im Rausch des Karnevals.<\/p>\n<p>Doch als sich Jupp als der hedonistische Kerl herausstellte, wusste ich es besser. <i><b>Eines<\/b><\/i> war klar: <i><b>Ich<\/b><\/i> w\u00fcrde das nicht noch einmal machen! Und ich finde das Leben mit Struktur und <i><b>Norm<\/b><\/i><b> <\/b>sch\u00f6n. <i><b>Einfaches<\/b><\/i><b> <\/b>gef\u00e4llt mir. Manchmal reicht die <i><b>Natur<\/b><\/i>. Das <i><b>Opfer<\/b><\/i>, das ich durch meine Verabredung mit Jupp brachte, um das auf die harte Tour zu bemerken, h\u00e4tte nicht sein m\u00fcssen. Ich hoffe, zu dieser Einsicht kamen auch manche K\u00f6lnerinnen. Sobald sie den zertrampelten <i><b>Rasen<\/b><\/i> unter dem Schnee wieder sehen, wird ihnen hoffentlich klar, dass ihnen das Versaufen jeglicher W\u00fcrde fr\u00fcher oder sp\u00e4ter das <i><b>Genick<\/b><\/i><b> <\/b>brechen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Sie werden wie ich zu der \u00dcberzeugung gelangen, man sollte alle Jupps dieser Stadt auf Noahs <i><b>Arche<\/b><\/i> verbannen, wo sie sich mit ihren tierischen Gleichgesinnten auf die <i><b>Suche<\/b><\/i> nach einem Land ohne Frauen mit Verstand machen k\u00f6nnten. Das klingt wie <i><b>Musik<\/b><\/i> in meinen Ohren. <i><b>Unwirsch<\/b><\/i>, aber sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Ein gutes allerdings hat der Karneval jedes Jahr: Urspr\u00fcnglich sollte der Brauch den Winter austreiben. Es kommt also bald der Fr\u00fchling und dann erwacht Norbert, das Eichh\u00f6rnchen, das im Nussstrauch vor der Redaktion lebt. Es hat einen buschigen <i><b>Schwanz<\/b><\/i>.<\/p>\n<hr \/>\n\n<p>Teil V: Cem und Yasin Teil 1<\/p>\n<p>von Melanie Nitsch.<\/p>\n<p align=\"right\"><b>12. August 2014<\/b><\/p>\n<p>Seit heute bin ich nun offiziell als Asylbewerberin registriert in einem Land, in dem ich mich fremd f\u00fchle, in dem ich nicht gerade mit offenen H\u00e4nden empfangen wurde, und stelle mir die Frage, ob hier nun die Endstation ist. Die Endstation einer langen Reise\u2026 ein Ort, wo ich sp\u00e4ter meine Kinder gro\u00dfziehe und wohl irgendwann sterben werde. Mein Eldorado habe ich mir immer anders vorgestellt. W\u00e4re Cem nicht an meiner Seite, w\u00fcrde ich wohl nicht hier bleiben. St\u00e4ndig diese Frage: Wie seid ihr hierher gekommen? Was habt ihr erlebt? Warum musstet ihr fl\u00fcchten? Die Fragen durchl\u00f6chern mich und lassen es nicht zu, alles zu vergessen. Warum <i><b>entscheiden<\/b><\/i> sich wohl Menschen dazu, Menschen wie Cem und ich, die eigene Heimat zu verlassen? Keiner unserer Betreuer hat den geringsten Schimmer wie es in unserem Dorf war. Wir mussten weg. Seit sechs Monaten habe ich nun keinen Kontakt mehr zu meiner Familie gehabt, Cem noch l\u00e4nger. Und dann kommt erneut die Frage, wie geht es dir? Ich k\u00f6nnte sie <i><b>umhaun<\/b><\/i>, solche Wut durchstr\u00f6mt meinen K\u00f6rper in diesem Moment. Cem schafft es oft, mich zu beruhigen. Er sagt dann immer in seinem IT-Blabla: \u201eVersuch deine Gef\u00fchle zu <i><b>chiffrieren<\/b><\/i>, keiner will aggressive Fl\u00fcchtlinge. Die schicken uns zur\u00fcck, rei\u00df dich zusammen!\u201c Chiffrieren, welcher normale Mensch benutzt dieses Wort im Zusammenhang mit der Unterdr\u00fcckung der eigenen Gef\u00fchle? Ich muss dann schon fast schmunzeln, weil es eben so absurd ist. Cem schafft es meist mich zu beruhigen, obwohl er nicht gerade sensibel ist, ich w\u00fcrde schon fast sagen, nach innen gekehrt. Er beh\u00e4lt seine Gef\u00fchle eher f\u00fcr sich, aber ich wei\u00df, er kocht innerlich genauso. Das gemeinsame <i><b>Hoffen<\/b><\/i>, unsere Situation w\u00fcrde sich bald zum Besseren wenden, schwei\u00dft uns zusammen, wenngleich uns mein <i><b>M\u00e4keln<\/b><\/i> wieder voneinander entfernt. Ich wei\u00df, dass die st\u00e4ndigen Beschwerden \u00fcber unsere Situation unserer Beziehung nicht gut tun, aber ich muss dar\u00fcber reden. Mit wem denn sonst, er muss das doch verstehen. Er f\u00fchlt doch auch die Blicke der Bewohner hier, sie <i><b>\u00e4chten<\/b><\/i> uns, und ich w\u00fcrde schon fast sagen, sie wollen uns vertreiben. Unsere Betreuer meinen wohl, wir kapieren nicht, was da an unsere Hausw\u00e4nde geschmiert wird, Woche f\u00fcr Woche. Die Farbr\u00fcckst\u00e4nde bilden Umrisse der Parolen, die man auch im Fernsehen sieht. Fange ich an, dar\u00fcber nachzudenken, f\u00e4ngt es in mir an zu brodeln. Ich wei\u00df nicht wohin mit meinen Gef\u00fchlen, meinem Unverst\u00e4ndnis, meiner Wut. Sie <i><b>chemisieren<\/b><\/i> sich zu einem Molotowcocktail. Dann muss ich erst mal raus aus unserem Rattenloch. Ich lauf dann solange, bis ich nicht mehr atmen kann, bis mich mein Seitenstechen fast umbringt und ich wieder zur Besinnung komme. Ich harre dann noch ein wenig aus und warte, bis ein paar Stunden verstrichen sind, um mich schlie\u00dflich auf den Weg nach Hause zu machen. Cem hatte wieder alles abbekommen und ist dar\u00fcber sicherlich nicht gl\u00fccklich. Ihn zu benutzen als Ablassventil f\u00fcr meine Wut, tr\u00e4gt sicherlich nicht dazu bei, dass unsere Liebe zueinander w\u00e4chst. Ich wei\u00df selbst nicht, warum ich das mache, er ist doch der, der mir Halt gibt. Uns verbindet so viel. Wir <i><b>hoffen<\/b><\/i> nicht nur gemeinsam auf ein Leben in Frieden, sondern haben dieselben Interessen und f\u00fchlen uns vollst\u00e4ndig, wenn wir zusammen sind. Sp\u00e4testens vor unserer Haust\u00fcre steigen mir Tr\u00e4nen in die Augen und ich bereue mein <i><b>Teufeln<\/b><\/i>. All die verletzenden Worte, die ich ihm zuvor an den Kopf geschmissen hatte, w\u00fcrde ich am liebsten zur\u00fccknehmen. Mich w\u00fcrde es nicht wundern, wenn mir kleine H\u00f6rnchen aus der Stirn wachsen. Ich m\u00f6chte ja nicht so sein, ich wei\u00df nicht, wie es so weit kommt. Es ist, als ob eine h\u00f6here Macht uns als Marionetten benutzt, als ob andere uns \u2013 unsere Liebe zueinander \u2013 und unsere Gef\u00fchle <i><b>intrigieren.<\/b><\/i> Als w\u00fcrde jemand das zerst\u00f6ren, was wir haben. Fr\u00fcher waren wir auch nicht immer einer Meinung, aber so gestritten haben wir uns nie. So schlimm war es nie, wir hatten uns ver\u00e4ndert. Manchmal scheint der <i><b>Graben<\/b><\/i> zwischen uns gr\u00f6\u00dfer, als dass ich ihn jemals wieder \u00fcberwinden k\u00f6nnte. Und wiedermal stand ich mit Tr\u00e4nen in den Augen vor der Haust\u00fcre und musste f\u00fcr meinen Ausflipper <i><b>einstehen<\/b><\/i>. Meine Entschuldigung prasselte nur so aus mir heraus, meine Worte \u00fcberschlugen sich und ich heulte die n\u00e4chsten 15 oder 30 Minuten, in denen er wahrscheinlich kein Wort verstand, da jedes zweite Wort von meinem Schluchzen \u00fcbert\u00f6nt wurde. Ich steigerte mich regelrecht in die aussichtslose Situation hinein. Er ist doch der Einzige f\u00fcr mich, was sollte ich nur ohne ihn tun. Und seine Arme umschlossen mich und mein Herzschlag fing an, langsamer zu schlagen, und letztendlich verstummte mein Schluchzen. Vor unseren Nachbarn k\u00f6nnen wir den Streit nicht verbergen. Sie h\u00f6ren alles, die d\u00fcnnen W\u00e4nde geben das Gef\u00fchl, als sitze man direkt in der K\u00fcche der Nachbarn. Eine der Nachbarfrauen, ich glaub ihr Name ist Samira, sieht am n\u00e4chsten Morgen immer so vorwurfsvoll her\u00fcber, wenn wir uns auf dem gemeinsamen Gang treffen. Mein Gesicht wird dabei unangenehm hei\u00df und ich w\u00fcrde sagen, ich versinke in totalem Schamgef\u00fchl. Dabei war ihre Familie alles andere als perfekt. Unsere Wohnung verwandeln wir, wenn n\u00f6tig, zur Theaterb\u00fchne. Wir k\u00f6nnen die d\u00fcnnen W\u00e4nde f\u00fcr unsere Zwecke <i><b>gebrauchen<\/b><\/i>, indem wir Reizthemen ansprechen. Cem hatte die Idee, er war \u00fcberzeugt, die Nachbarn bek\u00e4men mehr als wir. Wir fangen an, dar\u00fcber zu sprechen, und k\u00f6nnen sofort h\u00f6ren, wie es in der Nachbarwohnung losgeht und dasselbe hei\u00dfe Thema diskutiert wird. Nicht immer r\u00fccken sie mit Informationen heraus. Ein Teil der Bewohner trifft sich hin und wieder in der Wohnung nebenan, ich w\u00fcrde schon fast sagen sie <i><b>radikalisieren<\/b><\/i> sich zu Gruppen, aber ich sch\u00e4tze, im Grunde ist ihnen nur langweilig und sie w\u00fcrden nie etwas Gewaltt\u00e4tiges tun. Dieses Machogehabe ist kaum anzuh\u00f6ren, aber dank der guten Isolierung der W\u00e4nde <i><b>erfahren<\/b><\/i> wir alles, jede Einzelheit. Auch das l\u00e4sst mich manchmal durchdrehen, ich habe keine Sekunde f\u00fcr mich, auch ein R\u00fcckzugsort ist nahezu unm\u00f6glich. Und all die Probleme unserer Nachbarn beeinflussen uns, selten sind gl\u00fcckliche Szenen zu h\u00f6ren. Meist versuche ich die Stimmen aus der Nachbarwohnung zu ignorieren, doch manchmal kommt es vor, dass ich einzelne W\u00f6rter aufschnappe und mein Interesse geweckt wird. Oder vielleicht kein Interesse, aber das Aufschnappen von mehreren Schlagw\u00f6rtern und das Aufkommen von Diskussionen <i><b>irritieren<\/b><\/i> mich. Besonders, wenn es um Wege raus aus dieser Absteige geht, werde ich hellh\u00f6rig und komme nicht herum mich zu fragen, ob die etwa noch vor uns eine M\u00f6glichkeit gefunden haben. Wir hatten doch schon alles versucht. Einzig, wenn die Tochter in der Wohnung der Machotreffen zu <i><b>singen<\/b><\/i> beginnt, kann ich so richtig abschalten. Sie zaubert mir ein L\u00e4cheln ins Gesicht, wie es mein Vater immer hatte, wenn er von der Jagd kam. Komisch ist das schon, wieso assoziiere ich das <i><b>Erlegen<\/b><\/i> eine Tieres durch meinen Vater mit dem Singen des Nachbarm\u00e4dels zu einem Gl\u00fccksgef\u00fchl. Ich sch\u00e4tze, er fehlt mir einfach sehr. Wird es sp\u00e4t und die Sonne geht unter, h\u00f6rt man die jungen M\u00e4nner noch um die Wohneinheiten <i><b>ziehen<\/b><\/i>. Sie <i><b>erregen<\/b><\/i> nicht nur unsere Aufmerksamkeit, sondern auch die der M\u00fctter, die mit dem Schimpfen kaum hinterherkommen. Die Streuner wissen nicht wohin mit ihrer Langweile und <i><b>randalieren<\/b><\/i> schon mal von Zeit zu Zeit. Unbeachtet bleibt dies meist nicht, sobald ihre M\u00fctter zu <i><b>fluchen<\/b><\/i> beginnen, hat eine der M\u00fctter die Schandtaten mitbekommen und es den anderen br\u00fchwarm weitergetratscht. Doch heute ist alles anders, ich schenke diesen allt\u00e4glichen Szenarien keine Aufmerksamkeit. Ich denke nur an Cem \u2013 an Cem und mich \u2013 und unseren schlimmen Streit. Nach so einem heftigen Streit <i><b>entfernen<\/b><\/i> sich die Gef\u00fchle vielleicht eine Zeit lang von-einander, doch heute war es anders. Bis sp\u00e4t nachts war es, als w\u00fcrden wir in unsere sch\u00f6nsten Tr\u00e4ume <i><b>tauchen<\/b><\/i>. Wir philosophierten \u00fcber unser Leben, wie unsere Zukunft aussehen w\u00fcrde, wo wir leben w\u00fcrden, wie erfolgreich wir letztendlich werden w\u00fcrden. Solange wir in unseren Tr\u00e4umen schwelgen, ist es als ob unsere schlimmen Erfahrungen und die unz\u00e4hligen Streitereien in weite Ferne r\u00fcckten. Als k\u00f6nnten wir in der Ferne unser Trauma wie ein altes St\u00fcck Papier <i><b>zerfledern<\/b><\/i> sehen. Ich bin mir sicher, dass das Drama <i><b>enden<\/b><\/i> wird und wir unser Eldorado finden \u2013 und das gemeinsam.<\/p>\n<hr \/>\n\n<p>&#8230;Teil V: Cem und Yasin Teil 2<\/p>\n<p>von Dominik Kastl.<\/p>\n<p align=\"right\"><b>14. August 2014<\/b><\/p>\n<p>Wie sollen wir das alles nur <i><b>durchhalten<\/b><\/i>? Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, dass Yasins Traurigkeit und\u00a0 Ver\u00e4rgerung \u00fcber unsere jetzige Situation auch mich <i><b>infizieren<\/b><\/i><i>. Nat\u00fcrlich <\/i>kann ich mir vorstellen, wie es im Moment in ihrem Inneren aussehen muss. Es muss so schlimm sein, dass sie vollkommen vergisst, dass auch ich die schwerste Zeit meines Lebens durchmache. So weit weg von unserer Heimat, unseren Verwandten und Freunden. Eigentlich sollte ich schon <i><b>erwarten<\/b><\/i> k\u00f6nnen, dass sie trotzdem auch auf mich R\u00fccksicht nimmt und mir zur Seite steht. Da ich aber wei\u00df, dass Yasin hier in diesem fremden Land ohne mich hoffnungslos auf sich allein gestellt w\u00e4re, versuche ich, jeden Streit sofort zu unterbinden, indem ich ihr gut zurede und versuche, ihr Halt zu geben. Ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass wir uns so <i><b>t\u00e4uschen<\/b><\/i> w\u00fcrden, in diesem Land kein besseres Leben als zuhause erlangen zu k\u00f6nnen. Vielleicht r\u00fchren diese Gef\u00fchle, die sich momentan bei uns breit machen und uns t\u00e4glich <i><b>\u00e4ngstigen<\/b><\/i><i>,<\/i> auch daher, dass wir bis jetzt noch keinerlei Aussicht auf Arbeit oder Anschluss an die Gesellschaft haben. Fl\u00fcchtlinge wie wir m\u00fcssen hier anscheinend einen sehr langen Prozess durchlaufen, bis f\u00fcr sie \u00fcberhaupt feststeht, wie es mit ihnen weitergeht bzw. wohin die Reise geht. Eine Sache, die uns mit Sicherheit so einiges erleichtern w\u00fcrde, w\u00e4re die M\u00f6glichkeit, die Unterschiede zwischen unserer Muttersprache und der Sprache dieses Landes <i><b>gleichmachen<\/b><\/i> zu k\u00f6nnen. Uns war von Anfang an klar, dass wir im Falle eines Verbleibes in Deutschland die Sprache erlernen m\u00fcssten. Da wir auch kein Englisch sprechen, sind wir derzeit komplett auf uns alleine gestellt und k\u00f6nnen nur fl\u00fcchtig verstehen, wie unsere Nachbarn ihre Streitigkeiten durch gro\u00dfes <i><b>L\u00e4rmen<\/b><\/i> aus ihren H\u00e4usern in die Welt hinausschreien. Da sie ab und zu versuchen, mit uns Kontakt aufzunehmen, konnten wir uns mittlerweile schon einige W\u00f6rter aneignen. Zuerst dachte ich, dass es wohl vorerst nicht zu weiteren Treffen kommt, da die Nachbarn als auch wir nicht so recht wissen, wie wir eine Art \u201enormales\u201c Gespr\u00e4ch aufbauen k\u00f6nnen. Ich sollte mich jedoch <i><b>irren<\/b><\/i><i>: <\/i>Schon bald kamen die Nachbarn, die direkt neben uns wohnen, wieder auf uns zu und luden uns ein, den Abend mit ihnen zu verbringen. Nat\u00fcrlich war es f\u00fcr Yasin und mich eine sehr unangenehme Situation. Wir wussten ja nicht, ob wir nun in der Nachbarschaft akzeptiert werden oder ob man das alles nur aus purem Mitleid mit uns macht. In diesem Moment war mir das aber egal, ich wusste, dass es eine willkommene Abwechslung f\u00fcr Yasin sein w\u00fcrde. Endlich mal raus, etwas anderes sehen, mit anderen Menschen sprechen, oder es zumindest versuchen. Als wir nach diesem gemeinsamen Abend mit den Nachbarn wieder nach Hause kamen, brach Yasin wie aus dem Nichts in Tr\u00e4nen aus. Ich musste sie mit meinen Armen regelrecht <i><b>chloroformieren<\/b><\/i>, damit sie sich wieder beruhigt. Ich denke, dass sie in diesem Moment kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Sp\u00e4ter, nachdem sie sich endlich wieder gefangen hatte, erz\u00e4hlte sie mir, dass ihr der Abend bei den Menschen nebenan gezeigt hat, wie sehr sie unsere eigenen Freunde eigentlich vermisst und sich nach ihnen sehnt. Ich versuchte wieder einmal, gut auf sie einzureden, und dies schien auch zu funktionieren. So habe ich es geschafft, ihr das <i><b>Hoffen<\/b><\/i> auf eine R\u00fcckkehr in unsere Heimat zu bewahren, obwohl mir in meinem Innersten bereits l\u00e4ngst klar war, dass wir das wohl nicht mehr <i><b>erleben<\/b><\/i> w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Seit Wochen haben wir nichts mehr von unseren Angeh\u00f6rigen geh\u00f6rt, sie leben direkt im Kriegsgebiet unseres Landes. Ich bete jeden Tag zu Gott, dass sie alle noch am Leben sind. Ein Ende des Krieges, das zum jetzigen Zeitpunkt noch lange nicht in Sicht ist, w\u00fcrde so einiges in unserem Land <i><b>revolutionieren<\/b><\/i>. Es k\u00f6nnten zum ersten Mal seit langem wieder demokratische Wahlen abgehalten werden, die ausl\u00e4ndischen Soldaten k\u00f6nnten endlich wieder abziehen und wir, Yasin und ich, k\u00f6nnten m\u00f6glicherweise sogar irgendwann wieder dorthin zur\u00fcck. Nat\u00fcrlich m\u00fcssten wir unsere Lebensart schon wieder komplett neu <i><b>erfinden<\/b><\/i>, da die Unterschiede zwischen zuhause und hier gewaltig sind.<\/p>\n<p>Nun aber Schluss mit meinem st\u00e4ndigen und unrealistischen Wunschdenken. Ich war selbst \u00fcberrascht, als Yasin auf einmal versuchte, mich noch im Wohnzimmer zu <i><b>verf\u00fchren<\/b><\/i>, so kurz nachdem sie nervlich so gut wie am Ende war. Anscheinend war ihr die N\u00e4he, die ich ihr gab, als ich sie in den Armen hielt, nicht genug. Selbstverst\u00e4ndlich musste ich mich erst einmal <i><b>ordnen<\/b><\/i>, um mit der Situation, in der ich mich befand, \u00fcberhaupt klarzukommen. Halbnackt stand sie auf einmal vor mir und begann zu <i><b>lachen<\/b><\/i>.<\/p>\n<p>Yasin und ich waren f\u00fcr alles offen in diesem Land, was unsere Weiterbildung und Arbeit anging. Eine Sache machte uns zudem noch schwer zu schaffen: Die vielen Fragen der Beh\u00f6rden und all die Dinge, die wir vorweisen und erledigen mussten, nur um wieder von einem Amt zum n\u00e4chsten weitergereicht werden zu k\u00f6nnen, kamen uns vor, als wolle man uns <i><b>umerziehen<\/b><\/i> zu B\u00fcrgern dieses Landes. Diese waren wir aber nicht, zumindest noch nicht. Wir sa\u00dfen stundenlang in Warter\u00e4umen, zusammen mit anderen Fl\u00fcchtlingen aus aller Herren L\u00e4nder und h\u00f6rten das st\u00e4ndige <i><b>Trampeln<\/b><\/i> der Angestellten, die von B\u00fcro zu B\u00fcro hetzten, um Dokumente zu \u00fcberbringen oder sie zu kopieren. Mit der Zeit kam auch dieses Ger\u00e4usch dem L\u00e4rm einer Elefantenherde gleich, da wir nichts anderes mehr h\u00f6ren konnten. Es machte uns verr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Keinesfalls versuchten Yasin und ich, uns von der Au\u00dfenwelt zu <i><b>isolieren<\/b><\/i>, jedoch hatten wir, wie vorher schon erw\u00e4hnt, gro\u00dfe Probleme, uns anzupassen und Anschluss zu finden. Nichtsdestotrotz wollten wir uns alle M\u00f6glichkeiten <i><b>offenhalten<\/b><\/i>, unserem gemeinsamen Leben, das ich \u00fcbrigens niemals missen m\u00f6chte, eine Chance auf eine Verbesserung zu geben. Sei es durch Arbeit oder einen Sprachkurs, alles w\u00fcrden wir tun, damit wir hier eine Chance auf ein normales Leben samt neuen Freunden und vielleicht auch irgendwann Kindern bekommen w\u00fcrden. Auch wenn ich mich als eine Art Besch\u00fctzer von Yasin darstelle, w\u00e4re es f\u00fcr mich eine Qual, ohne die Frau, die ich liebe, in einem fremden Land zu sein. Ich bin ihr unendlich dankbar f\u00fcr alles, was sie gemeinsam mit mir durchmacht, und hoffe, dass wir gemeinsam alle Steine, die uns in den Weg gelegt werden, aus dem Weg r\u00e4umen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So, und jetzt gehen wir zwei zum <i><b>Nacktbaden<\/b><\/i><i>,<\/i> das haben wir schon seit Jahren nicht mehr gemacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Was soll man mit einem Gedicht anfangen, das \u2013 auf den ersten Blick \u2013 aus nichts anderem besteht als aus einer planlos-beliebigen Aneinanderreihung von W\u00f6rtern?<\/p>\n<p>Was soll man damit anfangen, wenn man wei\u00df, dass der Autor zu den bedeutendsten Lyrikern der deutschen Gegenwartsliteratur z\u00e4hlt?<\/p>\n<p>Muss man nun zwanghaft irgendetwas \u201ehineininterpretieren\u201c?<\/p>\n<p>Gib es einen Geheim-Code, ein Kryptogramm?<br \/>\n<br \/>\nBild: <a href=\"http:\/\/pixabay.com\/de\" style=\"color:#E64946\">pixabay <\/a>\/ <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/publicdomain\/zero\/1.0\/deed.de\" style=\"color:#E64946\">CC0<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":1102,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[25,24,23],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1068"}],"collection":[{"href":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1068"}],"version-history":[{"count":38,"href":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1068\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1386,"href":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1068\/revisions\/1386"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1102"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1068"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1068"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1068"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}