{"id":2378,"date":"2018-10-01T18:25:49","date_gmt":"2018-10-01T16:25:49","guid":{"rendered":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/?p=2378"},"modified":"2018-10-21T18:44:58","modified_gmt":"2018-10-21T16:44:58","slug":"ein-dankeschoen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bos-scheyern.de\/sz\/?p=2378","title":{"rendered":"Ein Dankesch\u00f6n"},"content":{"rendered":"<p><strong>An diejenigen, die auch nachts Zivilcourage und Mut beweisen k\u00f6nnen<\/strong><\/p>\n<p>Donnerstagabend, 22:30, Max-Weber-Platz, U-Bahn-Station.<\/p>\n<p>Ich bin alleine unterwegs und habe ein mulmiges Gef\u00fchl im Bauch. Mein Hirn f\u00e4ngt schon beim Fahrkartenautomaten an, verr\u00fcckt zu spielen, einfach nur, weil drei junge Erwachsene dort rumh\u00e4ngen. Sie kommen wohl nicht aus Deutschland. Ich beeile mich und steige schnell die Treppen hinunter. Und hasse mich daf\u00fcr. Ich m\u00f6chte nicht, dass diese jungen M\u00e4nner an meinem Unwohlsein schuld sind. Aber es ist nachts und ich bin als Frau alleine unterwegs. Ich wei\u00df &#8211; eine billige Ausrede.<\/p>\n<p>Ich bin in der Wartehalle angekommen; sie ist menschenleer. Nur auf der anderen Seite der Gleise warten ein paar Leute. Und pl\u00f6tzlich h\u00f6re ich es: Laute Klagelaute, eher Heulger\u00e4usche hallen durch die Station, ich sehe eine Frau Mitte 30 hinter der S\u00e4ule hervorkommen. Sie schreit laut irgendwelche unverst\u00e4ndlichen Worte. Ich denke erst, sie hat eine Behinderung. Sie wankt heulend n\u00e4her, ich gehe auf Abstand. Feige. Sie kommt auf mich zu, sie weint und ist wahrlich verzweifelt. \u201e\u2018Tschuldigung, ich hab nur eine Frage\u201c, lallt sie und ich erkenne, dass sie betrunken ist. Ich schaue sie an, bereit f\u00fcr Kommunikation, obwohl ich Angst habe. Sie m\u00f6chte wissen, wo sie hin muss, redet wirr von einem Spielplatz, redet unverst\u00e4ndlich. Sie fragt, welche Station nach dem Max-Weber-Platz kommt, wenn man in Richtung Theresienwiese f\u00e4hrt. Ich wei\u00df es nicht, k\u00f6nnte aber nachsehen. Stattdessen sage ich ihr, dass sie es dort vorne von der Tafel ablesen kann. Wieder handle ich feige. Ich sehe doch genau, dass sie wohl kaum im Stande ist, ein Schild zu lesen, wenn sie noch nicht einmal geradeaus laufen kann. Sie steht heulend vor der Tafel, zieht sich ihre zu gro\u00dfe Kapuzenjacke quer \u00fcber den Kopf. Sie leidet. Ich hadere mit mir. Soll ich doch hingehen und ihr helfen? Jetzt f\u00fcllt sich auch langsam der Bahnsteig, mein Herz wird ein wenig leichter.<\/p>\n<p>Und da, da ist er. Ein unscheinbar wirkender Mann in ihrem Alter geht zu ihr, fragt sie, was sie brauche, wohin sie wolle. W\u00e4hrenddessen betrachte ich die Menschen auf der anderen Seite der Gleise, die teils abwertend, teils angeekelt die Szene betrachten. Ein \u00e4lteres Ehepaar sch\u00fcttelt mit dem Kopf, kann kaum die Augen davon lassen. Der Zug kommt, der Mann steigt mit der immer noch weinenden Frau ein. Die U-Bahn ist gut gef\u00fcllt, die Frau f\u00e4llt nicht mehr so auf, wie am leeren Bahnsteig. Trotzdem hat sie sich noch nicht beruhigt. Der Mann sagt ihr, sie solle am Hauptbahnhof aussteigen, dort k\u00e4me sie zu ihrer Haltestelle. Als er aussteigen muss, blickt sie ihm flehend hinterher, ihr Weinen wird wieder lauter. Sie versucht verzweifelt, den U-Bahn-Plan an der Wand zu lesen. Ein \u00e4lterer, sehr zugekn\u00f6pfter und korrekt wirkender Herr dreht sich st\u00e4ndig um, sieht fast provokant zu. Die Frau ist fix und fertig, blickt hilfesuchend umher, ohne wirklich zu sehen. Dreht sich im Kreis, verliert den Halt, stolpert zum Haltegriff.<\/p>\n<p>Und da, da ist sie. Eine junge Frau Anfang 20, wahrscheinlich eine Studentin, verabschiedet sich gerade von ihrer Freundin und sieht und registriert das Leiden der betrunkenen Frau. Sie sagt: \u201eKomm her, ganz ruhig.\u201c Und nimmt sie in den Arm. Einfach so. Ich kann es in dem Augenblick nicht fassen, wie richtig diese Geste ist. Sofort h\u00f6rt die Frau auf zu weinen, sinkt richtig ein in den Armen. Diese Umarmung ist genau das, was sie jetzt gebraucht hat. Die Studentin streichelt ihren Arm, ihren R\u00fccken, redet ihr beruhigend zu. Ich sitze wie gel\u00e4hmt auf meinem Platz, kann kaum glauben, was da gerade passiert. Ich bin zutiefst beeindruckt von ihrer Geste und von ihrem Mut. Es st\u00f6rt sie nicht, dass die Frau betrunken ist, dass sie dreckige und nicht passende Klamotten tr\u00e4gt. Sie ist einfach f\u00fcr sie da.<\/p>\n<p>Ein junggebliebener Rocker steht neben den beiden, schaut ver\u00e4chtlich umher und murmelt einem Mann neben sich zu: \u201eDie ist so dicht wie zehn Russen.\u201c Er sieht sich fast schon Beifall heischend um, doch ich kann ihm nicht in die Augen sehen. Eine solche Diskriminierung macht mich w\u00fctend. Doch die junge Frau reagiert ganz gelassen und sagt gekonnt: \u201eIst doch jetzt egal.\u201c Sie h\u00e4lt die Frau weiterhin in den Armen und sagt ihr, sie k\u00f6nne mit ihr gehen, sie m\u00fcsse in eine \u00e4hnliche Richtung. Der Zug h\u00e4lt, ich steige aus. Atme aus.<\/p>\n<p>Der unscheinbare Mann und die charismatische junge Frau, das sind f\u00fcr mich die Helden des Tages. Sie waren mutig, haben St\u00e4rke gezeigt und Zivilcourage bewiesen. Und das ohne irgendeine Gegenleistung. Sie haben das nicht f\u00fcr sich und ihren Ruf getan, sondern f\u00fcr die Frau. Ich m\u00f6chte mich bei den beiden bedanken, doch habe den richtigen Moment verpasst. Jetzt sitze ich im Zug nach Hause und schreibe diesen Text aus purer Dankbarkeit. Ich will ihnen sagen, dass ihre Taten gesehen und wertgesch\u00e4tzt wurden. Sie haben geholfen, als ich den Mut dazu nicht fand.<\/p>\n<p>Doch ich habe den Mut, diese Worte zu schreiben, auf dass sie gelesen und vielleicht zu Herzen genommen werden.<\/p>\n<p>Jeder hilft, so viel er kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Johanna Bernklau<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>An diejenigen, die auch nachts Zivilcourage und Mut beweisen k\u00f6nnen Donnerstagabend, 22:30, Max-Weber-Platz, U-Bahn-Station. 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