Geschichte vor der Haustüre

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B-24 Bomber über den Alpen auf dem Weg zu einem Luftangriff nach Deutschland © Marcus Siebler/Dram-Film 2011

Am Montag, den 22.12.2014, fesselte Marcus Siebler mehrere Klassen der FOS/BOS Scheyern im Vorlesungssaal mit zwei von ihm gedrehten Dokumentarfilmen. Die Filme handelten von tragischen Kriegsverbrechen, die sich in den Landkreisen Freising und Pfaffenhofen ereigneten.

Marcus Siebler wurde in Freising geboren, verbrachte im dortigen Landkreis seine Kindheit und wohnt derzeit in Gerolsbach. Er arbeitet im Medienbereich des Ifo- Instituts in München und wurde bereits zwei Mal für den deutschen Nachwuchsfilmpreis nominiert. Er war schon während seiner Kindheit sehr interessiert an Geschichte und startete zu dieser Zeit seine ersten Filmexperimente. Als Kind wurde er auf die Geschichte über den Absturz eines amerikanischen Flugzeugs aufmerksam, bei dem ein Besatzungsmitglied ums Leben gekommen sein sollte. Im Jahr 2009 entschied sich Siebler dann, dieser Geschichte auf den Grund zu gehen, um dem oder den bisher unbekannten Opfern aus Amerika ein Gesicht zu geben. Er fing an, über die Ereignisse zu recherchieren, und nach drei Jahren Arbeit setzte er seine Ergebnisse in einem Dokumentarfilm um.

Den Schülerinnen und Schülern der FOS/BOS Scheyern wurden zwei Filme vorgeführt: zum einen der Hauptfilm „13. Juni 1944“, und zum anderen der Film „13,5 km“. Zuerst wurde der Film „13,5 km“ abgespielt. Dieser Film entstand laut Siebler sehr überraschend. Er befragte seinen Nachbarn Xaver Neumeier zum eigentlichen Hauptfilm „13. Juni 1944“, doch als Xaver Neumeier dann zu erzählen begann, erfuhr Siebler eine Geschichte, die bisher noch nie erzählt wurde. Siebler war sehr betroffen von der Geschichte und beschloss daraufhin, die Erinnerungen seines Nachbarn in einen eigenen 15-minütigen Film zu packen. Beide Filme haben jedoch gemeinsam, dass Siebler Zeitzeugen ausfindig gemacht und zu den damaligen Ereignissen interviewt hat.

13,5 km (Erinnerungen von Xaver Neumeier):

Xaver Neumeier ist sichtlich aufgewühlt, während er seine Geschichte vor der Kamera preisgibt. Er berichtet darüber, wie damals in den letzten Monaten des Dritten Reiches mehrere hundert Häftlinge lange und steinige Todesmärsche auferlegt bekommen haben, über die lange Zeit nicht gesprochen wurde. Die Häftlinge wurden vom Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg in Hersbruck nach Dachau geführt. Auf ihrem 150km langen Weg durchquerten sie einige Dörfer und Städte. So durchquerten auch ca. 500 Mann, überwiegend in bestem Alter, Hirnkirchen, den Heimatort des damals 14-jährigen Xaver Neumeier. Die Häftlinge wurden von schwerbewaffneten SS-Soldaten begleitet und waren meist sehr abgemagert und schwach. Als die SS-Soldaten mit den Häftlingen in Hirnkirchen ankamen, war die Bevölkerung des Ortes sehr schockiert und beängstigt. Die Häftlinge sollten die Nacht bei den umliegenden Einöden Kranzberg und Trillhof verbringen, doch war es unmöglich, alle 500 Häftlinge in den dortigen Höfen des Ortes unterzubringen. Auf Grund dessen mussten viele Häftlinge im Freien nächtigen. Die Bevölkerung von Hirnkirchen kümmerte sich darum, dass die Häftlinge etwas zu essen bekamen. Als die Häftlinge wieder aufbrechen mussten, befahlen einige SS-Soldaten Xaver Neumeier, den Wagen zu fahren, auf den alle Häftlinge aufgeladen wurden, die nicht mehr selbstständig laufen konnten oder tot umfielen. Diejenigen, die aus Erschöpfung nicht mehr weiter marschieren konnten, wurden von dem Soldaten kaltherzig erschossen. Die Aufgabe von Xaver war es, die leblosen Körper auf den blutverschmierten Wägen nach Kirchdorf an der Amper zu transportieren. Herr Neumeier ist heute noch sehr ergriffen von den Ereignissen und kämpft während des Erzählens immer wieder mit den Tränen.

13. Juni 1944

Der zweite Film handelt von einem amerikanischen Bomber, der am 13. Juni 1944 unter deutschen Beschuss geriet und daraufhin nahe Sillertshausen im Landkreis Freising samt Besatzung abstürzte. Der Flieger stürzte auf einem freien Feld ab und ging in Flammen auf. Die meisten Besatzungsmitglieder konnten sich mit dem Fallschirm retten, ein amerikanischer Soldat überlebte den Absturz jedoch nicht. Der Co-Pilot wurde sofort in Gefangenschaft genommen. Einem weiteren Überlebenden wurde später immer und immer wieder in den Rücken geschossen, und er wurde letztlich grausam ermordet. Der Gefangengenommene wurde in der Polizeistation Attenkrichen inhaftiert und ebenfalls auf grausame Art und Weise ermordet. Die Tür zu seiner Zelle wurde gewaltsam geöffnet und dem Gefangenen mit einem Hammer die Schädeldecke zertrümmert. Der Rest der Überlebenden wurde in Durchgangslagern verhört.

Während der Kriegszeit stürzte ein weiterer amerikanischer Bomber ab. Wie bei dem Absturz am 13. Juni wurden einige Besatzungsmitglieder ebenfalls kaltblütig ermordet. Nach dem Krieg wurde jedoch gegen die Freisinger Kreisleitung ermittelt und es wurden die Kriegsverbrechen an den amerikanischen Besatzungsmitgliedern untersucht. Die Überlebenden der Bomber kehrten in die USA zurück und gründeten Familien. Die Mitarbeiter der Kreisleitung wurden von der amerikanischen Militärregierung zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt, außer der Kreisleiter, der später von einem deutschen Gericht zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt und auf Grund von Revision kurze Zeit später frei gelassen wurde.

Marcus Siebler ist selbst sehr überrascht, wie viel er letzten Endes herausgefunden hat. Er schafft es mit seinen Recherchen sogar, die bisher unbekannten Opfer zu identifizieren und einen weiteren Mord an einem Besatzungsmitglied aufzudecken. Er ist jedoch auch sehr gerührt von den tragischen Ereignissen der damaligen Zeit. Dennoch sagt Siebler, dass es eine Geschichte sei, die er nicht missen möchte. Während seiner Arbeit traf Siebler sogar Angehörige des Piloten und weiterer Besatzungsmitglieder persönlich. Beide Dokumentarfilme wurden auch schon im deutschen Fernsehen ausgestrahlt.

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